WILLIAM H. GASS: DER TUNNEL

Könnt ihr mich hören?

Diiii-digigigigdiiiiii-öililööööööö-Wääää-liuwääääh!Uiuiuiuirääääägh!

Hört ihr mich jetzt?

Woiawoiawia! Wuuuuw——ääääiääiä! Öhöhöhuoahööööö! U! Ääääääääh!

Das bin ich, ich und meine E-Gitarre. Tief drinnen im Tunnel.

Kunst ist durch die Unwahrscheinlichkeit und Kompromisslosigkeit seiner Entstehung definiert – nicht durch die tägliche Routine. Mir kommt es vor, dass ich ewig im Tunnel schon bin. Mit der Arbeit an The Tunnel hat William H. Gass 1965 begonnen, 1995 erschien das in geduldiger und übermütigen Arbeit geschriebene Buch in den USA. Also eine ewige Arbeit, vielleicht ist das Buch deswegen wahnwitzig extrem. Der Erzähler des Romans versucht sich an einer Einleitung zu seiner Studie »Schuld und Unschuld in Hitlerdeutschland« aber er ist blockiert. Er schreibt und schreibt zwar ohne Unterlass, jedoch nicht über sein Thema sondern Hasstriaden gegen seine Frau, seine Familie, seine Kindheit, seine Universität etc. und beginnt gleichzeitig in seinem Keller einen Tunnel zu graben. Das passt.

puff!puff!puff!puff!puff!puff!

Ohne Sinn und Zweck. Wahrscheinlich nur, um seine trüben Gedanken zu verlochen. Er ist aber vor allem eine Metapher für eine Bohrung in der Seele. Hier für die Pandemie.

Dieser Erzähler ist ein brillanter Kopf. Er formuliert die schönsten Sätze und vertritt die dümmsten Ansichten:

»Wann wird die Wut, die ich in mir habe, ihren Ausdruck finden‘ Ha. Werden diese Blätter etwa MEIN KAMPF‘ Ha, ha, in der Tat. Einen Groll hegen! Der Groll, den ich hege, hat mich auf die Knie gezwungen. Ich habe so viel Ressentiment übrig, dass es für eine Flut reicht. Der Hass hat meinem Leben Kraft und Sinn gegeben. Ich habe ihn studiert. Er hat mich studiert.«

Und:

»Eine Nonne und ein Kardinal,

Die trieben´s ganz schlicht, ja normal,

Sein anderer Stab

Brachte sie auf Trab,

Und seine Inbrunst war phänomenal.«

Die Kunst der schmutzigen Rede exekutiert er ausserdem an Gegenständen, bei denen er besonders grelle und verletzende Funken schlagen kann: bei Hitler, den Nazis, dem Dritten Reich und dem Holocaust.

Er unterhält zu seinem Nazi-Thema ein lüstern-fetischistisches Verhältnis, dessen Antrieb aus seinen körperlichen Defiziten (zu korpulent, zu kleiner Schlong etc., fett ist auch der Roman mit seinen 1094 Seiten) kommen. Er gründet eine Partei der Enttäuschten. Als Konsequenz der Selbstbehauptung und Menschenverachtung.

Dieses nihilistische Buch, diese Tiraden von geistreicher Bosheit, moralisch und politisch provokativ bis widerwärtig lässt mich diese komische Zeit positiver betrachten. Es gibt noch dunklere Ansichten und Charaktere als man vielleicht selber in Zeiten in Tunnels ist. Es gibt noch schwärzeres. Den Faschismus des Herzens. Das ist tröstlich. Dieser orgiastische, düstere Sprachrausch Gass´ inspiriert mich.

Hört mal. Jetzt singe ich tief drinnen. Ganz laut. Wagner.

Heiaho! Haha! Haheiaha!
Wallalalala leialalai! Wallalalala leiajahei! 

Heiaho! Heiaho! Heiahohoho! Hahei!
Heiaho, haha, haheiaha!
Hoiho! Hoihohoho!
Lichte! Lichte!
Wallala! Lalaleia! Leialalei!
Weia! Waga!
He da! He da! He do!
Wagalaweia!
Heia! Haha! 

Hojotoho! Hojotoho! Heiaha!
Wallala, weiala weia!
Heiaha! Heiaha! Hojotoho!
He da! He da! He do!
Heiaha weia! 

Wallala! Lalaleia! Leialalei!
Heiaha! Heiaha! Heiohotojo! Hotojoha!
Jaheia! Heiajaheia!
Wallalalalala leiajahei!
He da! He da! He do!
Heiajaheia! Wallalalalala leiajahei!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha!
Heiahaha!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha!
Hojotoho! Hojotoho! Heiaha! Heiaha!

Hei!
Heiaha!
Hei!
Heiaha!
Hei! 

Schön. Oder?

M.W. März 2021
Komposition D • I • E

Ruhrtriennale 2021: FESTIVALBIBLIOTHEK
Künstler:innen der Ruhrtriennale 2021 geben Einblicke in die Literatur, die sie durch diese Tage begleitet.
WILLIAM H. GASS: DER TUNNEL

William H. Gass: Der Tunnel | © Michael Wertmüller

Donaueschinger Musiktage 2020: Probenaufzeichnung

Die Donaueschinger Musiktage 2020 wurden abgesagt, hier eine Aufnahme der Proben zum Stück “The Blade Dancer”
 
“Michael Wertmüller drehte schließlich den Stilmixer auf hyperventilierende Maximalgeschwindigkeit. Sein ebenso reißerisches wie ironisch überdrehtes „The Blade Dancer“ verwirbelte zackige Motorik mit keckem Eulenspiegel-Klarinettensolo, lasziver Jazzposaune, neosymphonischer Hollywood-Pathetik, atemloser Verfolgungsjagd und pompösen C-Dur-Sieges trümpfen.”

Interview: #3 Die 10. Sinfonie

Ich bin der größte Beethoven-Fan aller Zeiten

“Beethoven ist dauernd präsent. Die Musik, die ich liebe, die begleitet mich immer und überall, auch im Alltag. Auch Coltrane, Miles, oder Bruckner und Shostakovich. Das fließt automatisch in meine eigene Musik ein, sei es, dass ich spiele oder dass ich komponiere.”

Aus: “… der größte Beethoven-Fan aller Zeiten” (Interview von Gabrielle Weber mit Michael Wertmüller für Neo.mx3 – Plattform für das zeitgenössische und improvisierte Schweizer Musikschaffen)

#3 Die 10. Sinfonie 
14.10.2020
Philharmonie Köln: Novoflot Opernkompanie, Ludwig van Beethoven, Michael Wertmüller.
Weitere Vorstellungen sind im Dezember in Berlin geplant

Neues Werk Donaueschinger Musiktage
16.10.2020
SWR Symphonieorchester, Dirigent Titus Engel: Paul Hindemith, Kammermusik Nr.1 (1922), Michael Wertmüller, Neues Werk / UA; Oliver Schneller, The New City / UA, Lula Romero, displaced / UA, Klaus Lang, Neues Werk / UA, Cathy Milliken, Neues Werk / UA

Blade Dancer

Freitag, 16.10.2020, 18 Uhr 
Freitag, 16.10.2020, 21 Uhr
Donaueschingen
Baar-Sporthalle
SWR Symphonieorchester
Dirigent: Titus Engel

Werke: 
Oliver Schneller – The New City für kleines Orchester und Elektronik (2020) UA
Lula Romero – displaced für kleines Orchester (2020) UA
Michael Wertmüller – Blade Dancer für kleines Orchester (2020) UA
Klaus Lang – Neues Werk für kleines Orchester (2020) UA
Cathy Milliken – Neues Werk für kleines Orchester (2020) UA
Paul Hindemith – Kammermusik Nr. 1 (1922)

Fünf Kommentare zum Orchester: Oliver Schneller, LulaRomero, Michael Wertmüller, Klaus Lang und Cathy Milliken haben Kammerorchesterminiaturen geschrieben, die sich den Bedingungen erhöhter Hygiene-Ansprüche stellen. Als historischer Gegenentwurf dazu steht Paul Hindemiths wilde Kammermusik Nr. 1 auf dem Programm, die 1922 in Donaueschingen uraufgeführt wurde – im 99. Donaueschinger Jahr ein Ausblick auf das Jubiläumsjahr 2021.

Five commentaries on the orchestra: Oliver Schneller, Lula Romero, Michael Wertmüller, Klaus Lang and Cathy Milliken have written chamber orchestra miniatures that face the conditions of increased hygiene requirements. As a historical counter-proposal, Paul Hindemith’s wild Chamber Music No. 1 is on the programme, which was first performed in Donaueschingen in 1922 – in the 99th Donaueschingen year a preview of the anniversary year 2021.

Donaueschinger Musiktage – Programm

 

 

Beethoven: 10. Sinfonie

Von Novoflot, L. v. Beethoven und Michael Wertmüller

Die 10. Sinfonie konzipiert Novoflot als Musiktheater für die Räumlichkeiten der Kölner Philharmonie und spannt hierfür einen musikalischen Bogen von Beethovens späten Streichquartetten über Ausschnitte aus op.125 bis hin zum Fragment der 10. Sinfonie und Uraufführungskompositionen von Michael Wertmüller.

Premiere: 14. Oktober 2020, 20.00 Uhr
Kölner Philharmonie

Teil #3 der Veranstaltungsreihe: WIR SIND SO FREI #1 – #3
Für Ludwig van Beethoven – Von Novoflot

Ein Projekt der internationalen Beethoven-Tage BTHVN2020. Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, den Rhein-Sieg-Kreis und die Stadt Bonn.

 

Berlin Festival with a Difference

Peter Brötzmann, Caspar Brötzmann, Marino Pliakas, Mats Gustafsson, Jan St. Werner, Per Ake Holmlander, Christian Lillinger and Michael Wertmüller to perform at the Berlin Festival with a Difference: Three Nights of Music taking place 31.10.-2.11 2019.

Three Nights of Music

A number of different musicians are involved, including: Peter Brötzmann-reeds, Caspar Brötzmann-e-bass, Marino Pliakas e-bass, Mats Gustafsson-reeds, Jan St. Werner-electronics, Per-Ǻke Holmlander-tuba, cimbasso, Christian Lillinger-drums, Michael Wertmüller-drums and with no fixed ensemble from one night to the next, each performance shall be a surprise as to who takes to the stage.

“It’s been exactly 50 years ago that Jost Gebers and I set up the first ‘anti-festival’ in Berlin. Things have changed, in the meantime stages have opened, ‘solidarity’ has advanced to a foreign word. Nowadays stages are opened so wide that all that bloodless and sexless academic garbage can be taken in and reproduced endlessly. To set an example – that’s what we are trying with these 3 NIGHTS OF MUSIC. To be not up to date in these times might not be such a wrong idea.” – Peter Brötzmann. 2 Oct 2019

Three Nights Of Music
31.10.-2.11 2019
22.00 Uhr
Kunstfabrik am Flutgraben
Am Flutgraben 3
12435 Berlin

Last.fm-Konzertseite für Three Nights of Music in Kunstfabrik am Flutgraben
Digital in Berlin: 3 Nights of Music
Caspar Brötzmann Massaker 

Ruhrtriennale 2019 w/ Steamboat Switzerland

Mittwoch 25.09.2019, Maschinenhaus Essen

Obwohl schon 1995 gegründet, gehört die Hardcore-NeueMusik-Impro-Rockband Steamboat Switzerland aus Zürich noch immer zu den wildesten, frischesten und radikalsten Bandprojekten überhaupt. Die multi-idiomatische Musik des Hammond Avantcore Trio liegt zwischen Improvisation und Komposition. Sie entzieht sich der Kategorisierung und lehrt die Ohren das Staunen. Das Trio spielt gleichermaßen bei den Donaueschinger Musiktagen, beim Lucerne Festival, Moers Festival, bei Patti Smiths Londoner Meltdown Festival, bei Klangspuren in Tirol oder auch in besetzten Häusern. Eingelagert in improvisierte Passagen finden sich auskomponierte Module wahlverwandter Komponisten wie Felix Profos, Sam Hayden, Stephan Wittwer oder Michael Wertmüller. Letzterer ist eine Art Hauskomponist und steuert für das Konzert als Uraufführung neue Module bei. Am Rande der Spielbarkeit manövrierend, dekonstruiert Dominik Blum den nostalgischen Sound seiner Hammond Orgel. Marino Pliakas steuert wuchtige Riffs auf dem E-Bass bei und Lucas Niggli bewältigt die schnellsten und vertracktesten Poly-Rhythmen an den Drums. Adolf Wölfli, der irre geniale Künstler war es, der die Namensgebung der Band inspiriert hat.

https://www.ruhrtriennale.de/de/agenda/176/DOMINIK_BLUM_MARINO_PLIAKAS_LUCAS_NIGGLI_MICHAEL_WERTMULLER/Steamboat_Switzerland/